Ein Spaziergang

Zuweilen sind die Abwehrmechanismen so stark, dass heilsame Erfahrungen nicht greifen. In solchen Fällen unterstützt die Hypnose die «Lernbereitschaft» des Unbewussten; so wird eine Offenheit für neue, positive Erfahrungen geschaffen - und uns die Möglichkeit gegeben, direkt in unserer Vergangenheit das innere Kind zu erlösen.

Im Wald

Der Wind war spürbar stärker geworden. Erste Böen kündigten sich lautstark an, bevor sie sich mit geballter Kraft durch die Baumwipfel schoben. Wie Juggernaut, ging es ihm durch den Kopf, eine unaufhaltsame Kraft, die alles beiseiteschiebt, was ihr im Wege steht. Beiseiteschiebt oder umwirft, kam ihm der Gedanke, schliesslich wurde ausdrücklich davon abgeraten, sich während des Sturms im Wald aufzuhalten. Doch Sal beunruhigte das nicht. Er mochte es, in stürmischem Wetter draussen zu sein. Ob in der Höhe oder in den Wäldern, Hauptsache er konnte die Elemente in ihrer ungebändigten Energie und mit all seinen Sinnen wahrnehmen. Nicht des Adrenalins wegen, nein, sondern weil er sich in solchen Momenten besonders verbunden und aufgehoben fühlte. So als würden Himmel und Wolken, Berge und Bäume sich in ihrer Grösse zeigen, um sich alsdann fürsorglich seiner anzunehmen.

Doch da gab es etwas, was Sal durchaus beunruhigte. Er wusste, dass es wichtig war, ihr von seinen Gefühlen zu erzählen. Eine Weile schon gingen sie schweigend nebeneinanderher. Sal mochte zwar die Stille, und gemeinsam mit einem vertrauten Freund zu schweigen, konnte ein besonderer Moment sein. Doch darum ging es jetzt nicht; in diesem Augenblick sollte er sich mitteilen. Sal aber brachte kein Wort heraus. Er galt als redegewandt, auch er selbst fand, dass er die Dinge meistens gut ins Wort zu bringen vermochte. Nicht aber in diesem Moment.

So gingen sie weiter, schweigend, und nur die Buchen und Fichten, welche den tonlosen Luftböen einen Klang schenken, nahmen der Situation ein wenig die Anspannung. Jetzt, dachte Sal, wenn ich es jetzt nicht sage, dann werde ich es nie tun. Und er wusste, dies könnte er sich nie verzeihen. So gab er sich einen Ruck, atmete tief durch und richtete seine Aufmerksamkeit nochmals auf den Jungen, der zu seiner Rechten neben ihm herging. Sal nahm dessen Hand und drückte sie aufmunternd. «Es kommt gut, du brauchst keine Angst zu haben», schien Sal dem Jungen zu sagen, als er ihm liebevoll in die Augen sah. Dann drehte er sich der Frau zu, warf auch ihr einen zärtlichen Blick zu und begann. Er erzählte von seinen Gefühlen für sie. Von seinen Ängsten, die es ihm zuweilen schwer machten, seine Emotionen zu zeigen. Und von dieser Beklemmung, die er seit seinen Kindertagen in sich spürt, wenn es darum geht, sich zu zeigen und verletzlich zu geben. Den Elementen konnte er sich leicht hingeben, Menschen allerdings nicht. Seit seinen Kindertagen.

Nochmals betrachtete Sal sich selbst als kleinen Jungen, wie er in diesem Augenblick zu seiner Rechten neben ihm her ging. Er ist dem Rat gefolgt und hatte gleich zu Beginn des Spaziergangs sein inneres Kind visualisiert, es an der Hand und damit seine Ängste zu sich genommen.

«Ja», dachte Sal, «ich habe all das Schwierige in meiner Kindheit überstanden, schliesslich bin ich jetzt hier». Er spürte, wie ein warmes Gefühl ihn durchströmte. Dann nahm er die Hand der Frau zu seiner Linken, so, als wäre es das Einfachste, das es gibt.

«Ich brauche keine Angst mehr zu haben, ich habe das, was damals war, überstanden. Ich bin jetzt der Grosse». Mit diesem letzten Gedanken öffnete er seine rechte Hand und liess den kleinen Sal los. Es würde der Moment kommen, sich weiter mit seinem inneren Kind zu unterhalten, ihm von den weiteren Erlebnissen von diesem Spaziergang zu erzählen. Doch jetzt ging es erstmals darum, diese Erfahrung überhaupt zu machen.

Das innere Kind nicht mehr retten

Manchmal spüren wir den Impuls, das innere Kind retten zu wollen. Das ist verständlich - und wichtig, doch die Ausrichtung ist dabei entscheidend. Versuche ich das Kind aus einem Gefühl des Leids heraus zu retten, es zwanghaft zu erlösen, dann agiere ich nicht als die oder der «Grosse». So kann ich auch nicht verbunden sein mit den für diesen Prozess erforderlichen Ressourcen und Stärken – ich bin nicht im Vertrauen.

Sich dem inneren Kind zuwenden heisst, sich seiner Geschichte zu öffnen, anzunehmen, dass es auch die schwierigen oder gar bedrohlichen Momente gab. Diese machten es erforderlich, dass unser Unbewusstes wirksame Überlebensstrategien entwickelte, welche, immer noch aktiv, uns im heutigen Sein suggerieren, dass die Gefahr noch nicht überstanden ist. Diese Zusammenhänge zu verstehen erschliesst uns erst das wahre Ausmass einer Verletzung und heisst Akzeptanz.

Sich dem inneren Kind und dessen verletzenden Erfahrungen zuzuwenden bedeutet, aus der eigenen Biografie heraus das heutige Sein zu verstehen – verstehen mit dem Herzen, das ist Empathie. In den Dialog mit dem inneren Kind zu gehen, ihm einen Stuhl gegenüber dem meinen anzubieten oder es auf einem Spaziergang an der Hand zu nehmen, schafft eine Klarheit und Ordnung – eine räumliche und zeitliche Distanz - in meinem Inneren. Wenn ich das «kleine Ich» an der Hand nehmen kann, dann bin nicht ich das Kind, sondern ich bin dann die oder der «Grosse» und somit im Jetzt und nicht im Damals. Wenn ich als die erwachsene Person hier stehe, dann weil das innere Kind seinen Weg gemacht hat; es steckt nicht mehr fest in dem Leid und der Gefahr; es muss demnach all das überstanden haben und braucht in dem Sinne nicht mehr gerettet zu werden.

Zuweilen sind die Abwehrmechanismen so stark, dass diese einfachen und eine heilsame Erfahrung schaffenden Tools nicht greifen. In solchen Fällen unterstützt die Hypnose die «Lernbereitschaft» des Unbewussten; so wird eine Offenheit für neue, positive Erfahrungen geschaffen und uns die Möglichkeit gegeben, direkt in unserer Vergangenheit das innere Kind zu erlösen; es einfach fortzuführen aus der bedrohlichen Situation und es vielleicht mitzunehmen an einen Ort, den ich kenne und von dem ich weiss, dass das innere Kind da sicher und frei sein wird – weil es nämlich ein Ort ist, den ich auf meinem späteren Weg kennenlernen durfte, und an dem ich mich einfach nur glücklich gefühlt habe.

 

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